Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern
- oder - Wissenschaft im Wandel der Zeit
Kennt Ihr die Elternbriefe? Sie werden bei uns vom Jugendamt an frisch gebackene Eltern verschickt. Anfangs gibt es für jeden Lebensmonat des Kindes einen Brief, später werden die Abstände größer. Die Elternbriefe sind spannend geschrieben und wissenschaftlich in 99,9% der Fälle auf dem neuesten Stand. Ich lese sie unheimlich gerne. Früher hießen die Elternbriefe “Peter Pelikan” Briefe. Meine Eltern haben welche aus dem Jahr 1967 aufgehoben. Haarsträubend, was dort alles drin steht!
- z.B. im ersten Monat: “Auf keinen Fall sollten Sie sofort hereinstürzen, wenn der erste Schrei ertönt. Es ist sogar wünschenswert, daß jedes Kind einmal am Tag kurze Zeit kräftig schreit und seine Lunge gründlich durchlüftet.” (Logik: sonst wird es verwöhnt und schreit dann ununterbrochen)
- im zweiten Monat: “Soll man sich nun mit dem Baby mehr beschäftigen? (…) Wir raten aber dringend ab, es nun schon viel herumzutragen und es daran zu gewöhnen. (…) Wir meinen, es genügt, wenn Sie die Zeit der täglichen Pflege allmählich um 5, dann um 10 Minuten und schließlich um eine Viertelstunde verlängern und sich in dieser Zeit ganz Ihrem Kind zur Verfügung stellen. Aber dann soll es weiterhin noch viel allein gelassen werden (…)
- im dritten Monat: Das Baby kann nur einen (Hervorhebung durch mich) gern haben. Das Baby leidet, wenn sich mehrere Personen in der Pflege ablösen (…)
- im achten Monat: Wie fängt die Erziehung zum Sauberwerden an! (…) Manchmal hilft es (Anm.: wenn das Kind schon auf dem Topf sitzt) wenn die Mutter die Geräusche nachahmt, die das Kind bei den Ausscheidungen von sich gibt. (…). Einer lieben Mutter “schenkt” das Baby sein “Würstchen” jedenfalls lieber als einer ärgerlichen und nervösen. (…)
Heute ist die These vom Verwöhnen widerlegt, das Gegenteil ist der Fall - zumindest anfangs kann man ein Kind nicht durch Zuneigung verwöhnen (ich glaube später auch nicht). Und für die Sauberkeitserziehung ist es im achten Monat noch viiiiiiieeeel zu früh. Gottseidank sind meine Eltern nach folgendem Prinzip verfahren: “Wir haben die Briefe nicht so ernst genommen!”
Wenn ich die beiden Versionen der Elternbriefe anschaue, die nur vierzig Jahre auseinanderliegen, kriege ich oft Angst: was ist wohl von den Weisheiten der Wissenschaft von heute zu halten? Was werden wir in weiteren vierzig Jahren von unserer heutigen Pädagogik, von unseren Behandlungsmethoden in der Psychotherapie und der Medizin, von unserer Naturwissenschaft und unserer Weltsicht ganz allgemein halten?
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Pädagogik ist sone Sache. Fußt auf der Idee, daß der Mensch beliebig formbar ist. Und wenns mal nicht hinhaut mit dem Mensch sind auch gleich immer Schuldige da (Rabenmütter z.B).
Sooo formbar beziehungsweise erziehbar ist der Mensch allerdings nun nicht, Zwillingsstudien weisen mehr und mehr auf genetische und erbliche Faktoren beim Charakter, beim Verhalten und bei der Intelligenz hin. Eine Tatsache die häufig in mit aller Anstrengung ignoriert wird (und das aus nachvollziehbarem Grund).
Auf jeden Fall wird der Einfluß “erzieherischer” Maßnahmen auf die Persönlichkeitsentwicklung weit überschätzt.
Deine Eltern haben wohl einiges richtig gemacht (“Wir haben die Briefe nicht so ernst genommen!”).
Vieles bringen die Kinder wohl tatsächlich bei Auslieferung schon mit. Eine beruhigende und entlastende Vorstellung, dass einiges schon genetisch festgelegt ist und die Schräubchen, an denen wir später noch drehen können, nur klein sind. Andererseits gibt es in der Erziehung noch viel, was man “falsch” machen kann. Wenn man nur wüßte, was “richtig” und was “falsch” ist. So kann mit gleichen genetischen Voraussetzungen ein Mensch, der mit extrem geringem Mitgefühl ausgestattet ist, entweder ein Psychopath und Massenmörder werden, oder ein beruflich sehr erfolgreicher (weil sehr durchsetzungsfähig) und angesehener Mensch, je nach Umgebung und Förderung.
Die (Früh-) Pädagogik war für mich aber nur ein Aufhänger für den Beitrag, mir ging es um “Skepsis der Skepsis gegenüber” (eine schöne Idee von Dir!), also um eine kritische Sichtweise jeglicher Wissenschaft. Da ich gerade Bill Bryson, “Eine kurze Geschichte von fast allem” lese, kann ich auch hier zitieren (Anm: wenn Außerirdische auf unseren Planeten sehen könnten, sehen sie die Erde von vor 200 Jahren): Sie sehen also nicht dich und mich, sondern die französische Revolution und Thomas Jefferson und Menschen mit Seidenstrümpfen und gepuderten Perücken - Menschen, die nicht wissen was ein Atom oder ein Gen ist, die ihre Elektrizität herstellen, indem sie einen Bernsteinstab an einem Stück Pelz reiben und sich dabei für sehr schlau halten”
Erschreckend ist zum Beispiel auch, wie vor Entdeckung der Neuroleptika (auf dem damals neuesten Stand der Wissenschaft) Psychosen behandelt wurden. Die Einzelheiten erspare ich uns jetzt. Auch über die modernen medikamentösen Behandlungsformen werden wir irgendwann lächeln, oder uns gruseln…
<<<Andererseits gibt es in der Erziehung noch viel, was man “falsch” machen kann
Klar. Ich denke man kann den Kindern Angst machen, Angst vor dem Leben, vor dem Nichtgeliebtsein, vor der “Hölle”. Das hat sicher Auswirkungen darauf ob eine nicht-empathische Veranlagung zum Massenmörder oder durchsetzungsfähigen Manager führt.
<<<Skepsis der Skepsis gegenüber
Ich habe diesen Eintrag geändert. Natürlich muss die Wissenschaft mit Skepsis betrachtet werden, genauso wie die eigene Haltung gewissen Ideologien oder Theorien gegenüber. Dieser Ausdruck auf meinem Blog hat jedoch auch antiskeptische Esoteriker angelockt, denen nichts lieber wäre als eine Generalrelativierung der Wissenschaft. Und das unterstütze ich keineswegs.
Skepsis der Skepsis gegenüber, aber mit Verstand. Ich halte nach wie vor die wissenschaftliche Sichtweise für klar überlegen, auch und gerade deswegen weil sie sich gelegentlich irrt…
Hi!
Kaum nachzuvollziehen was die Verfasser sich bei den Briefen gedacht haben.
Ich kann mir kaum vorstellen, dass es etwas wie eine universelle Erziehungsmethode geben kann.
Allerdings muss ich zum Thema Erziehung sagen, dass sich abgesehen von der genetischen Veranlagung, die bei der Geburt also abgeschlossen ist, das Kind in doch sehr hohem Maße beeinflussen lässt.
Neurowissenschaftliche Untersuchungen und andere Versuche zeigten, dass sich das Gehirn in den ersten Lebensjahren entwickelt. Also bei der ‘Auslieferung’ ;P noch nicht abgeschlossen.
Das Buch ‘Emotionale Intelligenz’ von Daniell Goleman beschreibt das seht gut. Für junge Eltern auf jeden Fall empfehlenswert.
Und naja, man kann bei der Erziehung sicher einiges Falsch machen. Allerdings, und das geht auch in dem Buch hervor, kann man mehr falsch machen, indem man dem Kind zu wenig Aufmerksamkeit, oder die falschen Eindrücke vermittelt.
Es ist schwer das in kurzen Worten zu beschreiben, aber wie das Buch schon sagt, kommt es hauptsächlich auf die Empathie und Liebe der ELtern an.
Das sollte ein Kind in jedem Fall lernen.
Und ich muss sagen, das ist etwas, das man der Wissenschaft zugute halten muss. Allerdings ist das nicht NUR Wissenschaft, sondern eine Menge Interpretation und Psychologie.